Zukunftsforschung – Über Neo-Tribes und die resiliente Gesellschaft

Mann mit Mundschutz schaut durch Klopapierrollen

Die Corona-Krise hat in Deutschland bereits ihren größten Schrecken verloren. Nichtsdestoweniger gibt sie immer noch Anlass zu Diskussionen. Nach der vermutlich ersten Infektionswelle bekommen wir allmählich einen Eindruck davon, wie sich unser soziales Miteinander und Wirtschaften verändern wird. Die Hoffnung auf eine lineare Weiterentwicklung gewohnter Prozesse und Strukturen wurde längst verworfen. Vielmehr interessiert nun die Richtung, in welche sich unsere Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln werden. Schließlich haben der wochenlange Lockdown und die damit verbundene soziale Distanzierung sowie die häusliche Orientierung der Menschen ihre Spuren hinterlassen. Verändert hat sich infolgedessen nicht nur deren Konsumverhalten, sondern auch das Bedürfnis nach sozialer Nähe. Wohin entwickeln wir uns in der Post-Corona-Ära? Hierüber können zwei Szenarien aus der Zukunftsforschung Aufschluss geben.

Zwei populäre Entwicklungsszenarien für die Post-Corona-Ära

Bereits zu Beginn der Corona-Krise mussten wir einsehen, dass die Welt, wie wir sie kannten, sich zwangsläufig verändern wird. Wohl als einer der Ersten prognostizierte dies bereits der Trendforscher Matthias Horx. Von Anfang an beschäftigte ihn jedoch vielmehr die Frage, auf welche Elemente der Prä-Corona-Ära die „Welt von morgen“ zurückgreifen wird. Denn die Pandemie hat ja bekanntlich zahlreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungsschübe beschleunigt, die sich bereits jahrelang angebahnt hatten. Gleichzeitig hat unsere Welt durch die Krise eine neue Stufe der Flüchtigkeit und Strukturlosigkeit erreicht, was unter anderem zu einem sozialen Strukturbruch innerhalb unserer Gesellschaft führte. Doch verändert sich unsere Zwischenmenschlichkeit beispielsweise durch das Loslösen von traditionellen Strukturen schon seit Jahren. Im Zusammenspiel mit den wachsenden Möglichkeiten der Digitalisierung entstanden also bereits vor Corona viele individualistische Lebenskonzepte. Die Welt wurde im Zuge der Globalisierung immer komplexer – Zeitressourcen im Alltag vieler Menschen immer knapper. Als Folge entstanden Gegenkulturen, die den Wert der Gemeinschaft wiederbelebten. Zu nennen sind hier beispielhaft der „Hygge-Kult“ sowie die sogenannten „Neo-Tribes“. Letztere spielen auch in der Post-Corona-Ära eine Rolle.

Eingangshalle Institut für Zukunftsforschung

Bereits im März 2020 hat das sogenannte „Zukunftsinstitut“, ein Thinktank mit Sitz in Frankfurt und Wien, für die Zeit nach Corona ein Whitepaper mit 4 gesellschaftlichen Zukunftsszenarien (PDF) vorgelegt. Diese 4 Szenarien unterscheiden sich anhand ihrer jeweiligen Ausprägung auf den Dimensionen „optimistisch vs. pessimistisch“ und „global vs. lokal“. Aktuell scheinen insbesondere die beiden optimistischen Szenarien namens „Neo-Tribes“ und „Adaption“ am vielversprechendsten zu sein. Der Unterschied: Das Szenario „Adaption“ setzt auf globale Verflechtungen, während das Szenario „Neo-Tribes“ eher einen Rückzug ins Private vermutet. Der Begriff „Neo-Tribes“ oder „Neutribalismus“ geht auf den Soziologen Michel Maffesoli zurück und bezeichnet kleine soziale Gemeinschaften in der Spätmoderne. Die Menschen von heute hätten demnach schon lange vor dem Corona-Ausbruch die Neigung entwickelt, sich vorzugsweise solchen sozialen Gruppen anzuschließen, die ihrer jeweiligen Lebensphase und ihrem Lebensstil entsprechen und unverbindlicher Natur sind. Doch wie hat sich dieser Trend in Corona-Zeiten entwickelt und welche Rolle spielt er im Rahmen der beiden Zukunftsszenarien?

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Szenarien

Zu Peak-Zeiten der vermutlich ersten Corona-Welle musste sich das Arbeits- und Privatleben vieler Menschen in Deutschland gezwungenermaßen einer Art Verhäuslichung unterziehen. Das Gebot der Stunde hieß „Social Distancing“. Infolgedessen wurden New-Work-Trends flächendeckend in den Berufsalltag integriert und das Home-Office mit seinen Potenzialen und Risiken sowie virtuelle Kommunikationsprozesse in kürzester Zeit zum neuen Standard erklärt. Was das soziale Miteinander im Privatleben betraf, konzentrierte man sich während des Lockdowns überwiegend auf diejenigen Sozialkontakte, zu denen am ehesten Zugang bestand. Dies führte bei vielen Menschen zu einer Rückbesinnung auf Familie und die wichtigsten Freunde. Die Pflege der übrigen Sozialkontakte fiel hingegen – in Abhängigkeit vom jeweils individuellen Resonanzbedürfnis – häufig flüchtiger und unverbindlicher aus. In Zeiten der sozialen Distanzierung sind gleichzeitig neue Bedürfnisse und Konsummuster entstanden. Vorerst offen bleibt jedoch die Frage, wie sich unsere Gesellschaft und Wirtschaft nach Bewältigung des Corona-Schocks und nach weiterer Lockerung der Corona-Maßnahmen nun weiterentwickeln wird. Wie sehr sind diese in der Lage, sich an die neuen Arbeits- und Lebensbedingungen flexibel anzupassen?

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Während das Szenario „Neo-Tribes“ darauf abstellt, dass sich Menschen, was ihr soziales Handeln und ihr Wirtschaften betrifft, vermehrt auf ihre jeweilige Region konzentrieren, geht das Szenario „Adaption“ hingegen von einem flexibleren Umgang mit den neuen Arbeits- und Lebensbedingungen aus. Es prognostiziert eine resiliente Gesellschaft, die ihr Vertrauen in staatliche Akteure nicht verloren hat und die dem Qualitätsjournalismus und der Wissenschaft eine höhere Bedeutung beimisst. Ebenso könnte eine solche Gesellschaft viel Wert auf ein Gleichgewicht von lokalem und globalem Handel legen und die Just-in-Time-Produktion in Frage stellen. Erste Anzeichen für ein derartiges Umdenken gibt es bereits. Daher halte ich an dieser Stelle den Entwicklungstrend „Adaption“ für wahrscheinlicher, wenngleich natürlich noch nicht absehbar ist, welche Entwicklungsschritte die deutsche Wirtschaft im Außen- und Binnenmarkt im Konkreten anstoßen wird. Was das soziale Miteinander in der Post-Corona-Ära angeht, könnte das Konzept der „Neo-Tribes“ wiederum die Gestaltung sozialer Bindungen und Zugehörigkeiten – jenseits von Primärkontakten – am treffendsten skizzieren. Es bleibt schlussendlich abzuwarten, inwiefern sich die Post-Corona-Kultur tatsächlich so entwickelt und wie sich unsere Gesellschaft und Wirtschaft in puncto Globalisierung ausrichten werden. In ein paar Monaten sind wir bereits schlauer.

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