Senioren im Internet – Über Potenziale und Problemstellungen einer „neuen“ Zielgruppe

Senioren im Internet: Eine Gruppe Senioren schuat gemeinsam amuesiert auf ein Samrtphone

In Zeiten der Corona-Pandemie stellt sich das Internet jeden Tag aufs Neue als Segen heraus. Notgedrungen freunden sich auch immer mehr Seniorinnen und Senioren mit den technischen Möglichkeiten der Digitalisierung an. Doch hat die Krise nicht zwangsläufig zu einem großen Digitalisierungsschub bei der „Generation 65 plus“ geführt. Denn woran es immer noch mangelt, sind vor allem personelle Unterstützungsangebote – ein Umstand, wozu auch die fortwährenden Lockdown-Verlängerungen nicht gerade produktiv beitragen. Hier müssen Ehrenamtliche und Privatpersonen, aber auch Politik und Wirtschaft mit kreativen Lösungen ansetzen. Dass das World Wide Web langfristig seniorengerechter werden sollte, zeigt auch ein Blick auf die Statistiken zum demografischen Wandel.

Über Hypes der Web-Senioren und „digitale Gräben“

Dass die deutsche Gesellschaft zunehmend altert, ist keine neue Erkenntnis. Dass das Internet derzeit wesentlich eine Gestaltung von Berufs- und Privatleben ermöglicht, steht ebenfalls außer Frage. In Zeiten des Lockdowns sichert es uns so ein Mindestmaß an Lebensqualität. Auch immer mehr Seniorinnen und Senioren sehen das so. Die Corona-Krise hat dazu beigetragen, dass sogar Skeptiker sich von den Errungenschaften der Digitalisierung überzeugen ließen – vor allem in Sachen Kommunikation und Konsum. So zum Beispiel verwundert es nicht, dass laut Handelsblatt mittlerweile die Entwicklung hin zum E-Commerce „unumkehrbar“ geworden sei. Eine repräsentative Studie des Digitalverbands Bitkom – durchgeführt unter mehr als 1.000 Befragten im Januar und Juli 2020 – stellte jedoch fest, dass von einem großen Digitalisierungsschub bei der „Generation 65 plus“ nicht gesprochen werden könne. Einerseits würde die absolute Mehrheit von ihnen zwar die Digitalisierung als Chance ansehen und etwa 93 Prozent der User würden laut Bitkom Online-Einkäufe tätigen. Andererseits würden die „Silver Surfer ab 65“ das Internet grundsätzlich seltener als jüngere Menschen nutzen und dabei vorhandene Möglichkeiten intensiver ausschöpfen. Nichtsdestoweniger gäbe es noch zahlreiche ältere Menschen, die sich mit digitaler Technik entweder nicht beschäftigen wollen oder denen es hierfür an adäquater Hilfe mangelt.

Eine Gruppe Senioren schaut gemeinsam auf ein Smartphone

Es gibt immer noch einige Seniorinnen und Senioren, denen das Knowhow oder die Bereitschaft fehlen, sich mit den Potenzialen der digitalen Welt auseinanderzusetzen. Ärgerlich ist es jedoch, wenn der Wille da ist, es aber an technischen Möglichkeiten mangelt – kein seltener Fall zum Beispiel in ländlichen Gebieten oder in Pflegeeinrichtungen. Gibt es darüber hinaus noch zu wenig digitale Betreuer bzw. personelle Ressourcen, so führt dies zwangsläufig zu einer strukturellen Benachteiligung älterer Menschen, was in Zeiten der Kontaktbeschränkung deren Isolation verstärkt. Dabei sind die Vorzüge der Digitalisierung evident. Man denke nur an die verbesserte medizinische Versorgung im Gesundheitswesen durch digitale Lösungen in sogenannten „Smart Hospitals“. Hierfür zeigt sich so mancher älterer Internetnutzer bereits offen. Ein regelrechter Hype erlebt jedoch aktuell der Online-Kauf von Drogeriewaren, Lebensmitteln und Medikamenten. Auch die Nutzung von Facebook, Whatsapp und vor allem der Videotelefonie boomt. Dennoch gibt es nach wie vor „digitale Gräben“. Damit mehr Seniorinnen und Senioren den Schritt ins digitale Neuland wagen, braucht es folglich mehr Hilfsangebote, weiß Bitkom-Präsident Achim Berg. Ehrenamtliche und Privatpersonen sowie Politik und Wirtschaft sind hier gleichermaßen angesprochen.

Hilfestellungen für mehr altersgerechte Pluralität im Internet

Nicht nur viele Best Ager sind mittlerweile begeisterte Internetnutzer, sondern auch die „Generation 65 plus“ entdeckt zunehmend das Internet für sich. Sie bilden zusammen die „neue“ Zielgruppe der Web-Senioren, die derzeit im Internet noch unterrepräsentiert ist. Grund zum Aufhorchen sowohl für die Politik als auch für die Wirtschaft. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) fordert daher für die Web-Senioren digitale Technologien, die bezahlbar, gut handhabbar, selbsterklärend und sicher sind. Auf diese Weise sollen ältere Menschen vom Leistungsspektrum der Digitalisierung besser profitieren können. Schließlich sind viele von ihnen grundsätzlich offen für Neues und wissbegierig, worauf man als Gesellschaft eingehen sollte. Neben mehr Pluralität in Bildungseinrichtungen brauchen wir daher auch mehr altersgerechte Pluralität im Internet. Hierfür muss die Politik – vor allem in Corona-Zeiten – den Zugang und die produktive Nutzung des Internets als Teil der Daseinsfürsorge betrachten. Das heißt zunächst, dass eine flächendeckende Breitbandversorgung – auch in ländlichen Regionen der Bundesrepublik – zu gewährleisten ist. Darüber hinaus sollte der Staat Projekte mit digitalen Streetworkern für Web-Senioren fördern, die diesen bei Bedarf im Online-Alltag Hilfe leisten. Vor allem die Kommunen könnten hier Raum für Unterstützung schaffen.

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Lokale Hilfsansätze zur Stärkung der Medienkompetenz von Web-Senioren gibt es mittlerweile fast überall in Deutschland. Es mangelt jedoch noch an bundesweit langfristigen Leuchtturmprojekten, die auch Menschen in Alten- und Pflegeeinrichtungen in Sachen digitale Teilhabe miteinbeziehen. Bis dahin ist die „Generation 65 plus“ auch weiterhin auf die Unterstützung von Ehrenamtlichen und Privatpersonen angewiesen. Unternehmen wiederum sollten die User Experience ihrer Online-Auftritte besser an die Bedürfnisse der betagteren „Silver Surfer“ anpassen, um Hemmschwellen nachhaltig abzubauen. Ferner sollten sie auch ihre Marketingstrategien überdenken und ihrerseits Hilfestellungen anbieten. Ein guter erster Anlaufpunkt für ältere Menschen im World Wide Web ist zweifelsfrei das Portal „Digital-Kompass“, welches kostenfreie Angebote für Senioren rund um das Thema Internet bereitstellt. Vermutlich werden sich hier Anregungen finden lassen, die auch auf dem nächsten deutschen „Digitaltag“ am 18. Juni 2021 diskutiert werden. Zu guter Letzt ist es – allen Digitalisierungsbemühungen zum Trotz – wichtig, dass sich Leistungen von alltagsrelevanten Instanzen wie Ärzten, Banken oder Behörden in absehbarer Zukunft nicht ausschließlich digital abrufen lassen. Ansonsten würden gerade diejenigen Menschen noch weiter ausgeschlossen werden, die ohnehin schon Außenseiter sind.

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