Schule neu denken – Warum wir mehr selbstständige Schulen brauchen

Schule neu denken: Lehrer unterrichtet in Kleingruppen.

Schule neu denken ist keine leichte Aufgabe: Die Schulen sollen die Kinder und Jugendlichen nicht nur zu mündigen Bürgern erziehen und dabei maßgeblich zu deren Persönlichkeitsentwicklung beitragen, sondern diese auch noch bestmöglich auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Im internationalen Vergleich stand das deutsche Schulsystem lange Zeit in der Kritik, weswegen im Laufe der Jahre zahlreiche Initiativen gestartet wurden, um das Konzept „Schule“ neu zu denken. Im Raum stand stets die Ausgangsfrage, welche Kompetenzen und Qualifikationen Schulabgänger besitzen sollten und wie sich diese am besten vermitteln lassen. Klar ist, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern, der Qualität des Unterrichts und der Gestaltungsfreiheit von Schulen. Insbesondere das Konzept der „Selbstständigen Schule“ verspricht dabei, auf die Bedürfnisse einer heterogenen Schülerschaft besser eingehen zu können.

Ein individuellerer Bildungsprozess braucht mehr Freiräume

Die Qualität unseres Schulsystems hat einen immensen Einfluss auf die Attraktivität von Deutschland als Lebens- und Wirtschaftsstandort. Bildung ist jedoch nach wie vor Ländersache. Eine erfolgreiche Schulbildung begünstigt die Eingliederung von Schülerinnen und Schülern sowohl in den Arbeitsmarkt als auch in die Zivilgesellschaft und trägt gleichzeitig zur Entfaltung der Persönlichkeit und Potenziale derselbigen bei. Jedes Bildungssystem muss daher den jeweiligen Bedürfnissen und Lebensbedingungen von Gesellschaft und Wirtschaft Rechnung tragen und ebenso dem Nachwuchs ein effektives Handwerkszeug zur eigenen Welterschließung bereitstellen. Heutzutage gehört dazu auch ein bestimmtes Maß an digitalen Skills. Lange Zeit wurde darüber diskutiert, ob wir digitalisierte Schule brauchen. Spätestens in Zeiten von Corona wissen wir: Wir brauchen sie dringender als gedacht. Im Rahmen der Integration von digitaler Technik in den Schulunterricht sind jedoch auch Lernprozesse grundlegend zu überdenken. Denn die neuen Technologien erlauben es, den Unterrichtsstoff auf besonders kreative Weise erlebbar zu machen, während sie gleichzeitig den Schülern ein hohes Maß an Autonomie und Selbstwirksamkeit im Lernprozess ermöglichen – sofern sich die Lehrenden darauf einlassen.

Lehrer begleitet ein interdisziplinäres Projekt

Viele Lehrer berufen sich, wenn es um die Vermittlung relevanter Kompetenzen für das 21. Jahrhundert geht, auf das sogenannte „4K-Modell“, welches aus den Kompetenzen Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken besteht. Diese reformpädagogischen Ideale sozusagen seien die Grundvoraussetzung wirksamen Lernens in einer hochkomplexen VUCA-Welt. Damit Schulen ihre Schützlinge jedoch auf das „wirkliche Leben“ vorbereiten, sollten sie ferner nie den Praxisbezug aus den Augen verlieren. Daher sollten Kinder und Jugendliche sich schon früh mit der Gestaltung digitaler Umgebungen befassen. Damit Schulen dies gewährleisten können, brauchen sie einen staatlich zugesicherten Gestaltungsspielraum jenseits des standardisierten Bildungskanons. Dieser ermöglicht es ihnen idealerweise, Lernprozesse auf die jeweilige Schülerschaft individuell zuzuschneiden. Eine Lösung liefert das Konzept der sogenannten „Selbstständigen Schule“. Die Verantwortung für Bildungsentscheidungen soll demnach dort übernommen werden, wo sich deren Auswirkungen am deutlichsten bemerkbar machen. Dann haben Lehrkräfte im Schulalltag die Chance, für ihre Schülerinnen und Schüler mehr als nur Lernprozess-Begleiter zu sein.

Schule neu denken: Die Chancen eigenverantwortlich arbeitender Schulen

Der ideale Lehrer begleitet nicht nur den Lernprozess seiner Schützlinge, sondern sollte diese auch inspirieren. Er motiviert sie zum selbstständigen Erarbeiten von neuem Lernstoff in festgelegten Arbeitsprozessen und schafft eine Atmosphäre des Wohlwollens und der Ziel-Transparenz. Idealerweise entsteht dabei ein sogenanntes „Resonanzdreieck“ – ein erstrebenswerter Unterrichtszustand, den der Soziologe Hartmut Rosa beschrieb. Um einen solchen Flow-Zustand des Lernens zu erreichen, stehen der Lehrkraft grundsätzlich eine ganze Menge erprobter Lernformen – von Projektarbeit bis hin zu Lernwerkstätten – sowie digitaler Anwendungen und Lernplattformen zur Seite. Doch nicht in jeder deutschen Schule ist es möglich, diese Mittel tatsächlich einzusetzen. Die größte Gestaltungsfreiheit haben zweifelsfrei selbstständige Schulen, die ihre Entwicklungsstrategien, Finanzen, Organisation, Personalfragen und Unterrichtsgestaltung selbst regeln dürfen. Einige deutsche Bundesländer – darunter auch Baden-Württemberg – haben auf diesem Gebiet bereits Modellversuche durchgeführt. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Eigenverantwortlich arbeitende Schulen vermögen die individuellen Potenziale und Talente ihrer Schülerinnen und Schüler besser zu fördern. Doch auch Schulen unterliegen letztendlich ökonomischen Zwängen und dem Wettbewerbsprinzip.

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Eine erfolgreiche Bildungskarriere ist der Schlüssel zu einer reichhaltigen Teilhabe in Gesellschaft und Wirtschaft. Selbstständige Schulen können diesen Bildungsprozess maßgeblich mitgestalten – beispielsweise, wenn es um Ganztagesbetreuung, MINT-Fächer, ökonomische Bildungsangebote oder den Praxisbezug von Unterricht geht. Vor allem in Corona-Zeiten bewähren sich selbstständig agierende Schulen tagtäglich, denn Homeschooling braucht einen festen Plan, der an die jeweilige Schülerschaft individuell anzupassen ist. Gerade jetzt ist es vonseiten der Politik somit an der Zeit, den Schulen noch mehr Eigenverantwortung zuzutrauen. Die deutsche Wirtschaft plädiert schon seit Jahren dafür. Im Zuge dessen sind jedoch bundesweit verbindliche Leistungsziele sowie Weiterbildungs- und Unterstützungsangebote für Lehrkräfte und Schulleitungen eigenverantwortlicher Schulen unabdingbar. Um Mangelentwicklungen nachhaltig entgegenzuwirken, sollte den Schulen darüber hinaus ein angemessenes Globalbudget zur Verfügung gestellt werden. Doch allen heutigen Ansprüchen zum Trotz sollten unsere Schulen nicht auf „Institutionen mit bloßem Dienstleistungscharakter“ reduziert werden. Unser Bildungssystem kann schlussendlich nicht auf alle Bedürfnisse von Gesellschaft und Wirtschaft eingehen. Auch Unternehmen stehen in der Verantwortung die jungen Schulabgänger eben dort abzuholen, wo sie nach ihrer Schullaufbahn jeweils stehen.

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