Die polarisierte Gesellschaft und ihre Bedeutung für die Arbeitswelt

Ein Magnet auf weißem Hintergrund umringt von Metallspähnen.

Menschen müssen sich entfalten und grenzen sich hierbei zwangsläufig von ihren Mitmenschen ab. Dies führt zu einer Vielfalt an Lebensstilen innerhalb einer Gesellschaft. Sind diese besonders heterogen und kontrovers ausgeprägt, spricht man von Polarisierung. So weit, so gut. Problematisch wird es erst, wenn sich polarisierte Einstellungen radikalisieren. Und das scheint in unseren heutigen wohlhabenden Gesellschaften immer mehr der Fall zu sein, so der deutsche Konfliktforscher Andreas Zick. Polarisierungstendenzen gibt es jedoch auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Diese gab es zwar schon im Zeitalter des Fordismus, doch betriebswirtschaftliche Konkurrenzlogiken haben dieser Spaltung mittlerweile eine neue Dynamik verliehen. Was kann man also als Arbeitgeber in einer Gesellschaft, in der sich im zunehmenden Maße Echoräume verstärken und Extrempositionen dominieren, tun? Die Lösung ist trivial: Vertrauen stiften und für mehr Offenheit und Toleranz einstehen. Denn eine polarisierte Gesellschaft besitzt auch ungeahnte Potenziale – sofern sie den Willen zum Konsens nicht verliert.

Polarisierung & Radikalisierung: Ein Problem, das alle betrifft

Menschen neigen dazu, überwiegend nur solche Informationen wahrzunehmen, die im Einklang mit ihren Einstellungen stehen. Die Neuen Medien haben diese Problematik noch verschärft – vornehmlich die Suchmaschinen und die Sozialen Medien. Menschen erhalten dadurch nicht nur die Möglichkeit, sich leichter mit Gleichgesinnten zu vernetzen, sondern sie bekommen von Algorithmen auch noch genau die Informationen geliefert, die ihrem bisherigen Nutzungsverhalten am ehesten entsprechen. Jeden Internetnutzer umgibt somit eine Art persönliche „Filterblase“, die letztendlich zu immer extremer werdenden Einstellungen führen kann. Erreicht diese Entwicklung das Stadium eines simplen Freund-Feind-Denkens mit extremer emotionaler Aufladung wird es problematisch: Aus radikal denkenden Individuen werden radikalisierte Gruppen und die gesellschaftliche Polarisierung nimmt zu. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Bereitschaft zur kollektiven Konsensfindung und damit ein gutes Stück Demokratie.

Eine Frau spielt Schach und wirft gerade eine schwarze Figur mit ihrer weißen Figur um.

Politiker und Wissenschaftler behaupten gerne, dass die Toleranz von kultureller Diversität ein Grundmerkmal heutiger wohlhabender Gesellschaften sei. Tatsächlich stehen jedoch insbesondere die jungen Generationen für mehr Diversität und Toleranz ein. Das liegt daran, dass diese mit den im Rahmen von Individualisierungsprozessen gewonnenen Freiheiten für gewöhnlich besser umgehen können als ältere Alterskohorten. Diese bemängeln viel eher die mit der Modernisierung einhergehende Orientierungslosigkeit und Unsicherheit – angesichts einer Vielzahl neuer Arbeits- und Lebensformen. Die Wahrnehmung eines solchen extremen Pluralismus an Kulturen und Lebensstilen fällt somit recht unterschiedlich aus. Während ein Teil der Gesellschaft diesen als Bedrohung einstuft, sehen andere Bürger wiederum großes Potenzial in ihm. Diese Polarisierung wird dann gefährlich, wenn sich die Lebensbedingungen meinungstechnisch abweichender Gruppen maßgeblich verschlechtern.

Üblicherweise nimmt die Polarisierung einer Gesellschaft vor allem dann radikale Tendenzen an, wenn einzelne Akteure darin das Gefühl haben, relativ benachteiligt bzw. nicht hinreichend verstanden oder repräsentiert zu werden. Ein solches Empfinden ist natürlich abhängig von den jeweiligen Erwartungshaltungen sowie von den Referenzgruppen, an denen diese sich orientieren. Es kann daher sein, dass sich auch gut situierte Bürger, sozusagen „Gewinner“ des gesellschaftlichen „Verteilungskampfs“, radikalisieren. Während eine polarisierte Gesellschaft zunächst symbolhaft für einen ausgeprägten Pluralismus steht – tut dies eine radikalisierte Gesellschaft keineswegs. Wie radikal sind aber die Menschen in Deutschland wirklich? Tatsächlich tummeln sich radikale Einstellungen laut zeit.de schwerpunktmäßig in der deutschen Parteienlandschaft, während die Deutschen in Wirklichkeit gemäßigter als die politische Debatte seien. Als Grund werden gerne die steigende Lohnkonkurrenz und der langsame Abbau staatlicher Sicherungen genannt.

Vier Puzzleteile werden von vier Händen aneinander gehalten.

Wie man Polarisierung effektiv nutzbar macht

„Polarisierung“ impliziert grundsätzlich nichts Anderes als eine radikale Form von Diversität. Schließlich müssen gegensätzliche Meinungen nicht zwangsläufig schädlich für eine Gesellschaft sein. Im Gegenteil: Polarisierende Akteure können Debatten anregen und damit zur Entwicklung von Geduld und Konsensfähigkeit beitragen. Unternehmen, die mit sozialer Diversität umgehen können, übernehmen eine Vorbildfunktion, was den Umgang mit kultureller Vielfalt in der Gesellschaft betrifft. Mehr noch: Laut einem Beitrag in der „Nature Human Behaviour von 2019 haben Wissenschaftler herausgefunden, dass heterogen aufgestellte Arbeitsteams die Qualität einer gemeinschaftlichen Arbeitsleistung verbessern können. Was wir also brauchen, ist eine konstruktive Polarisierung der Gesellschaft. Dazu gehört auch eine kompromissbereite Diskussionskultur, die von deeskalierenden Maßnahmen getragen wird. Um die Inklusion sämtlicher gesellschaftlicher Akteure zu gewährleisten, müssen Staat und Wirtschaft jedoch mehr tun, als diesen nur ihre Offenheit und ihr Wohlwollen entgegenzubringen.

Um verfestigte Polarisierungen überwinden zu können, reicht es nicht, aufeinander lediglich zugehen zu wollen. Es müssen Kompromisse gefunden werden, die auf eine Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen abzielen – ohne marginalisierte Randgruppen auszulassen. Handlungstechnisch bedeutet das: Es gilt, den zahlreichen Echoräumen der Unsicherheit mit Vertrauen zu begegnen und die Erfüllung der Bedürfnisse ressourcentechnisch abgehängter Milieus staatlich abzusichern. Auf diese Weise kann eine polarisierte Gesellschaft ihr Potenzial voll ausschöpfen: Die Schaffung von Toleranz für widersprüchliche Meinungen und Lebensstile sowohl in der Gesellschaft als auch in der Arbeitswelt. Bleiben hingegen grundlegende soziale Teilhabemöglichkeiten einem beachtlichen Teil der Gesellschaft verwehrt, entstehen zwangsläufig Radikalisierungstendenzen. Wir müssen daher nicht nur lernen, kultivierter miteinander zu streiten, sondern auch, dass eine Gesellschaft nur konsensfähig bleibt, wenn es allen Menschen darin gut geht.

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