Mehr stoischer Pragmatismus im Lockdown-Alltag: Über Lagerkoller, Lethargie und den Liberalismus in der Krise

Familienfotos auf dem Esstisch

Es ist eine Kunst, in diesen affektgeladenen Zeiten, im Lockdown-Alltag, innere Ruhe zu bewahren. Denn bis auf Weiteres läuft das gesellschaftliche Leben immer noch auf Sparflamme, während der allgemeine Unmut zu wachsen und der Optimismus zu sinken scheinen. In der Arbeitswelt passt man sich indessen immer besser an den weitläufigen Druck zum Home-Office an. Cocooning und Work-Life-Blending werden zu neuen Megatrends, die jedoch viele Beschäftigte an ihre Grenzen bringen. Allen ist klar, dass es einen einfachen Lösungsweg aus der Krise nicht geben wird und die Zukunft vorerst noch ungewiss bleibt. Was wir daher jetzt brauchen, ist mehr Eigenverantwortung und eine gesunde Portion Nostalgie, Pragmatismus und Stoizismus.

Von der liberalen zur persönlichen Krise

Von der Corona-Krise sind die Menschen in Deutschland in unterschiedlichem Ausmaß betroffen. Wie es bereits der Philosophie-Professor Markus Gabriel in einem Beitrag in der NZZ formulierte, käme es einem „naturalistischen Fehlschluss“ gleich, wenn die Politik den Ist-Zustand der Virus-Pandemie dauerhaft mit den Soll-Erwartungen der soziopolitischen Pandemiebewältigung verbindet. Das Ergebnis sind von pragmatischem Handlungsdruck angeleitete Maßnahmen, die unter anderem zu ungerechten Wettbewerbsverzerrungen führen. In diesem Falle, müsse man sagen, bleibe schlichtweg die Vernunft auf der Strecke – vor allem wenn vereinzelte Wissensbestände genutzt werden, um ein ganzheitliches Krisenmanagement zu betreiben. Unsere Welt wird immer komplexer, daher braucht es bei der Beurteilung der pandemischen Lage und der Tragweite von Gegenmaßnahmen das Expertenurteil aller Wissenschaftsbereiche, die Wissen ihrem jeweiligen Fokus entsprechend vorbringen, interpretieren und anwenden. Dann ist eine fruchtbare Perspektivenpluralität möglich, die elitär-technokratisches Lösungsdenken überwindet. Bis dahin jedoch sind viele Menschen und Unternehmen weiterhin auf sich selbst zurückgeworfen – mit ihren Bedürfnissen und Problemen. Aus einer liberalen Krise werden viele kleine persönliche Krisen.

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Leidensdruck erzeugt bekanntlich Veränderung. Auch der zweite Corona-bedingte Lockdown stößt bei vielen Menschen und Unternehmen erneut ein Umdenken an. Mit dem Hochmut des „anything goes“ ist Schluss. „FOMO“ als „Leistungsprinzip 2.0“ hat ausgedient. Immer noch sitzen Beschäftigte auf unbestimmte Zeit im Home-Office. Angesichts ungewisser Zukunftsaussichten machen sich wieder Frust, Lagerkoller und Ziellosigkeit bei vielen von ihnen breit. Manche sind sogar von der sogenannten „Mönchskrankheit“, einer Art apathischen Gleichgültigkeit, betroffen. Diese ist jedoch mehr als nur ein täglich wiederkehrendes Mittagstief, sie ist auch ein Zeichen für das Unverständnis gegenüber aktuellen soziopolitischen Entscheidungen. Dem Menschen bleibt nichts anderes übrig, als weiterhin „Cocooning“ zu betreiben und es sich sozusagen im „Kokon“ seiner vier Wände möglichst „hyggelig“ zu machen. Schließlich lohnt es sich nicht, dem Ärger zu viel Raum zu geben. Vielmehr sollten wir die Krise als Lehrstück betrachten. Damit die mannigfaltigen Varianten des Lockdowns keine Spuren bezüglich unserer Gesundheit hinterlassen, sollten wir uns damit befassen, was uns in dieser Krise mehr Robustheit verleiht. Schließlich gibt es Mittel und Wege, wie der Mensch in seinem Berufs- und Privatleben das Gefühl der Kontrolle zurückerlangen kann.

Gefühlsbetonte Nostalgie oder stoischer Pragmatismus?

Demut und Gelassenheit bilden seit Jahrhunderten das Geheimrezept von Mönchen und Nonnen zur Bewältigung ihrer selbst gewählten Abgeschiedenheit. Doch haben die Menschen ihren aktuellen Lockdown-Alltag nicht freiwillig gewählt. Vermischen sich das Arbeits- und Privatleben stark, so führt dies bei vielen Beschäftigten zu zusätzlichem Stress im Alltag, weiß der Wirtschaftspsychologe Winfried Neun. Zwar gibt es bereits bei vielen Arbeitgebern effiziente Maßnahmen für ein gelingendes Home-Office, dennoch fehlt diesen ein Mindestmaß an Erwartungssicherheit. Andere Menschen wiederum fühlen sich in diesen Zeiten von der Nostalgie magisch angezogen.

Lockdown-Alltag im Home Office

Längst vergessene Fotoalben, Filme und Songs rufen wohltuende Erinnerungen an ein idealisiertes Gestern hervor und tragen so zur individuellen Krisenbewältigung bei. Nostalgie sei schließlich die Sehnsucht nach einer vermeintlichen Sicherheit, so die Soziologin Elena Beregow, die stärker werde, je komplexer, unübersichtlicher und bedrohlicher die soziale Wirklichkeit erscheint. Doch zu viel Nostalgie kann Menschen lethargisch stimmen und sie daran hindern, ihre gegenwärtige Situation prospektiv zu gestalten. Viel dienlicher wäre hingegen ein stoischer Pragmatismus, der uns dazu beflügelt, den Unwägbarkeiten unserer Zeit mit handlungsorientiertem Gleichmut zu begegnen und uns gleichzeitig Mut zur Veränderung verleiht.

Menschen, die beispielsweise im letzten Jahr ihre Wohnung entrümpelt haben, wissen, dass körperliche Betätigung verschiedenster Art zu einem heilsamen Gefühl von Selbstwirksamkeit führen kann. Diese Erkenntnis stimmt mit den Lehren des Klosters überein: Körperliche Arbeit gilt hier seit jeher als gesundes Mittel für den Ausgleich von Körper und Geist. Ebenso wie das Schwelgen in Erinnerungen kann somit auch ein umsichtiger Pragmatismus zur Krisenbewältigung beitragen. Von Vorteil ist hierfür ein fester Strukturrahmen im Home-Office-Alltag. Doch müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer deswegen nicht zwangsläufig einen „Führerschein fürs Home-Office“ erwerben, wie ihn unter anderem der ehemalige Skispringer Sven Hannawald fordert. Vielmehr braucht es Führungskräfte, die entscheidungsfreudig und kommunikationsstark sind, Visionen und Ziele vermitteln und dabei auch Verantwortung abgeben und auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter achten können. Ferner sollte das Leistungsprinzip überdacht und ergebnisorientierter gearbeitet werden. Dann fällt es den Beschäftigten wiederum leichter, mehr Eigenverantwortung übernehmen und die eigenen Fähigkeiten synergetisch einbringen zu können. Das letzte Jahr hat gezeigt, wie schnell sich unsere Welt verändern lässt. Egal, ob nun von Nostalgie oder von Pragmatismus angeleitet, wichtig ist, dass wir die Gestaltung unserer Zukunft tatsächlich in Angriff nehmen – allen Unwägbarkeiten zum Trotz.

Wir machen aus Talenten Experten.

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