Informatik als Pflichtfach? Warum Schüler schon früh lernen sollten, digitale Umgebungen zu gestalte

Drei Schülerinnen programmieren einen Roboter

In einer digitalen Welt sollte man sich mit dem Internet auskennen, genauso wie man in einer mobilen Gesellschaft das Autofahren beherrschen sollte. Wie jedoch das Auto oder das Internet im Detail funktioniert, müsse man nicht wissen – mit ähnlichen Worten rechtfertigte Peter Albrecht, Sprecher der Hamburger Bildungsbehörde, im Jahre 2013 die Abschaffung von Informatik als Pflichtfach in Hamburg. Die Hansestadt stellt diesbezüglich keinen Sonderfall dar, denn bisher gehört Informatik nur in Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen zum Standardrepertoire weiterführender Schulen. Bildung ist also nach wie vor Ländersache. Doch ein Wirtschaftssystem, das fortwährend Innovationen fordert, braucht Fachpersonal, das weiß, wie Daten verarbeitet, verbreitet und verschlüsselt werden. Hierfür sollten Schulen bundesweit die Grundlagen legen. Schließlich geht es nicht nur darum, dass Heranwachsende ein Verständnis von Datenstrukturen und Programmiersprachen erhalten, sondern auch darum, dass sie in der Lage sind, ihre digitale Umwelt selbst zu gestalten, anstatt nur von ihr zu konsumieren.

Ein moderneres Verständnis von Allgemeinbildung wird benötigt

Manche Dinge im Alltag sind so fragil und kostbar, dass man sie praktischerweise nie ändert – seien es beispielsweise die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer oder sämtliche Alltagsprozesse, die dank der Programmiersprache COBOL (Kurzform für „common business oriented language“) funktionieren. Laut der Beratungsfirma COBOL Cowboys arbeiten selbst heute noch etwa 70 Prozent aller alltäglichen Transaktionsverarbeitungssysteme mit COBOL. Vor allem Buchungssysteme, Finanzbehörden und Geldautomaten hängen von dieser mittlerweile schon 60 Jahre alten Technologie ab und auch in ferner Zukunft wird uns COBOL wohl alle noch überleben. Leider gibt es bisher nur relativ wenig Fachpersonal, das mit dieser Programmiersprache umgehen kann. Schulische Programme zur Förderung des Umgangs von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Umgebungen könnten hier nachhaltig entgegenwirken. Ein Problem ist jedoch, dass in vielen Bundesländern Informatik (noch) nicht als Pflichtfach anerkannt wird.

Grundschüler programmiert eine Drohne mit Scratch

Während in manchen Bundesländern noch darüber diskutiert werden muss, in welchem Ausmaß Schulen digitalisiert werden sollten, erhalten Kinder und Jugendliche an anderen Schulen bereits profunde Einblicke in digitale Welten. Laut der bundesweiten Sonderstudie „Schule Digital“ aus dem Jahre 2016, bei welcher über 3600 Schüler, Lehrer sowie Eltern befragt wurden, gaben 23 Prozent der Schüler an, bei der Nutzung digitaler Geräte häufig an ihre Grenzen zu stoßen – aufseiten der Eltern waren es 29 Prozent. Dieser Befund wirft die Frage auf, ob viele Erwachsene im Vergleich zu ihren Schützlingen eine eher naive Vorstellung von der Tragweite aktueller technischer Entwicklungen haben und sich dementsprechend auch weniger mit dieser befassen. Es verwundert jedenfalls kaum, dass das Schulfach Informatik derzeit noch ein Nischendasein in vielen Bundesländern fristet. Deutschland steht damit international im Abseits, denn einige Länder – wie zum Beispiel Großbritannien, Polen und die USA – haben Informatik bereits fest als Pflichtfach in ihre Lehrpläne integriert. Informatiker wie Prof. Steffen Friedrich von der Technischen Universität in Dresden fordern daher zu Recht, dass die Bundesrepublik ihr Verständnis von Allgemeinbildung überdenkt.

Was bereits gefordert wird und wie der Staat reagiert

Im Schulfach Informatik geht es weniger darum, Programmiersprachen auswendig zu lernen, als vielmehr um das Modellieren von Wirklichkeitsausschnitten und deren Übertragung in Algorithmen – also um das aktive, kreative Gestalten von digitalen Umgebungen. Dieses Lernziel macht den größten Unterschied zwischen dem Fach Informatik (an sich praktisch angewandte Mathematik) und der allgemeinen Medienbildung aus. Leider wird in vielen Schulen beides immer noch miteinander verwechselt. Wenn es um die Digitalisierungsfortschritte Deutschlands im internationalen Vergleich geht, läuten daher vielen Experten nicht ohne Grund die Alarmglocken. Immerhin fordern zahlreiche Pädagogen, Unternehmer und Wissenschaftler – unter anderem aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen – nun offiziell den Pflichtfach-Status für Informatik ein, wie bereits an Schulen in Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen üblich. Der deutsche Staat reagierte darauf.

IT Lehrer zeigt zwei Shülern die Basics im Programmieren

Vor drei Jahren hat die Kultusministerkonferenz zur „Bildung in der digitalen Welt“ angekündigt, dass bis 2021 jeder Schüler in Deutschland eine digitale Lernumgebung nutzen und einen Zugang zum Internet haben soll. In ihrer verabschiedeten Strategie ist ferner von einer bundesweiten Förderung von Computerkompetenzen die Rede. Das erklärte Ziel von Bund und Ländern ist jedoch schwerpunktmäßig eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik, was im Konkreten bedeutet, dass die einzelnen Bundesländer und Gemeinden vom Bund bei Investitionen in die digitale kommunale Bildungsinfrastruktur unterstützt werden sollen. Diesen Eindruck hinterlässt auch der vor kurzem von der Bundesregierung verabschiedete „DigitalPakt Schule“, aus dem nun bereits erste Gelder an eine Schule aus Rheinland-Pfalz flossen. Doch ob die fünf Milliarden Euro, die in den nächsten fünf Jahren im Rahmen dieser Übereinkunft bereitstehen, auch für die bundesweite Etablierung von Informatik als Pflichtfach genutzt werden, bleibt abzuwarten. Bildung ist somit auch zukünftig Ländersache. Vielleicht liegt ja genau darin das Problem.

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