Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Wie die wirtschaftliche Integration gelingen kann

Fröhlicher und selbstbewusster Mann aus Syrien.

Über 1,2 Millionen Flüchtlinge reisten im Jahr 2015 und 2016 nach Deutschland ein und bis heute kommen unentwegt neue Geflüchtete dazu. Die hohe Anzahl an Schutzsuchenden und ihre gesellschaftliche Eingliederung ist daher nach wie vor ein kontrovers diskutiertes Thema – sowohl in Deutschland als auch in Europa. Die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt jedenfalls nimmt langsam Fahrt auf: Während im Laufe des Jahres 2016 noch etwa sieben Prozent der Flüchtlinge eine Arbeit hatten, sind es im Jahr 2019 mindestens 35 Prozent. Hürden bei der arbeitstechnischen Eingliederung von Geflüchteten sind jedoch immer noch fehlende Sprachkenntnisse bzw. Zertifikate. Zusätzlich verzögert wird die Integration von Flüchtlingen außerdem von der deutschen Bürokratie. Auf der Strecke bleiben bisher unterschätzte Wirtschaftskräfte.

Der Flüchtling als Arbeitskraft: Potenziale und Hürden

Ein Migrant wandert grundsätzlich freiwillig von einem Land in ein anderes aus, um seine Lebensbedingungen zu verbessern, wohingegen ein Flüchtling jemand ist, der aus seiner Heimat flüchtet, weil er eine begründete Furcht vor Verfolgung – aus ethnischen, politischen, sozialen oder religiösen Gründen – hat. Ein Flüchtling gilt ferner als „asylsuchend“, wenn seine Abwanderung schwerpunktmäßig politische bzw. religiöse Ursachen hat. Während im Jahr 2015 die meisten Geflüchteten aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan und Syrien nach Deutschland kamen, sind heutzutage auch noch Flüchtlinge aus dem Iran, Nigeria und der Türkei zu verzeichnen. Trotz großer Skepsis aufseiten eines nicht unerheblichen Teils der deutschen Gesellschaft konstatierte die Süddeutsche Zeitung im September diesen Jahres, dass Deutschland seine Flüchtlinge brauche. Und die deutsche Wirtschaft gibt ihr Recht: Etwa zwei Millionen Arbeitsstellen seien seit 2014 entstanden.

Spätestens seit dem Jahr 2019 steht fest, dass die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt zu gelingen scheint: „Die Bilanz ist deutlich positiver, als wir 2015 erwarteten“, behauptet Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft). Forschungsleiter Herbert Brücker vom IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) ist sogar der Ansicht, dass sich die Jobintegration alles in allem deutlich schneller als bei früheren Flüchtlingsströmen vollziehe. Die Ursache hierfür liege im langen deutschen Wirtschaftsboom, wodurch die Nachfrage nach Arbeitskräften stieg. Die umstrittene Aussage „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint sich somit zu bewahrheiten: Derzeit sind mindestens 35 Prozent der erwerbsfähigen Flüchtlinge – darunter vor allem Männer – in Deutschland arbeitstätig (80 Prozent der Jobs sind sozialversicherungspflichtig), während es beispielsweise in der Schweiz etwas mehr als 32 Prozent sind.

Der Globus geformt aus einer Gruppe Menschen.

In den deutschen Arbeitsmarkt gelangen Flüchtlinge am häufigsten als Leiharbeiter bzw. über einen Minijob. Dabei werden sie vorzugsweise im Dienstleistungs-, Gast- bzw. im Reinigungsgewerbe, aber auch in der KFZ-Branche eingesetzt. Arbeitstätige Flüchtlinge übernehmen hier vor allem unattraktive Jobs, für welche Arbeitgeber üblicherweise nur schwer Personal finden. Jenseits von Helfer-Tätigkeiten werden jedoch rund 50 Prozent der erwerbstätigen Flüchtlinge auch als Fachkräfte, Spezialisten oder Experten eingesetzt, so Brücker. Diese Gruppe Geflüchteter spielt diesbezüglich noch eine weitere Rolle: Durch ihren Einsatz in praktischen Berufen wirken sie dem Fachkräftemangel im Bereich der Berufsbildung entgegen. Doch viele Unternehmen, die bereit wären, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, fürchten laut Brossardt – neben sprachlichen Unzulänglichkeiten – vor allem den damit einhergehenden Bürokratieaufwand.

Staatliche Hilfestellungen für den „bürokratischen Dschungel“

Wenn sich Flüchtlinge (noch) nicht in den deutschen Jobmarkt integrieren lassen, dann liegt das häufig an mangelnden Sprachkenntnissen bzw. an fehlenden Zertifikaten. Leider hat hier auch die deutsche Bürokratie ein Wörtchen mitzureden. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist der Meinung, dass sich nicht nur die Geflüchteten, sondern auch viele Behörden nur unzureichend im derzeitigen „bürokratischen Dschungel“ an Regelungen und Vorgaben zurechtfinden würden. Zugewanderte haben aktuell mit langen Wartezeiten zu rechnen – sowohl für die Gewährung von Asylanträgen als auch für die Anerkennung von Qualifizierungen und für die Zulassung zu Sprachkursen. Das Problem: So hochqualifiziert ein Flüchtling auch sein mag, er wird von einer Firma nur ungern eingestellt, wenn sein Asylverfahren und seine Qualifikation nicht abschließend geklärt sind. Ein regelrechter Teufelskreis entsteht: Die bürokratischen Vorgaben begünstigen somit, dass Flüchtlinge bisher nur zögerlich in den Arbeitsmarkt integriert werden, was wiederum den bürokratischen Apparat belastet.

Eine Gruppe Geflüchteter bei einem Deutschkurs

Gemäß dem Leitprinzip „Fördern und Fordern“ wurden mittlerweile von staatlicher Seite aus einige Erleichterungen für Firmen geschaffen, die Flüchtlinge ausbilden und beschäftigen wollen. Im Rahmen des neuen Beschäftigungsduldungsgesetzes (ab 1. Januar 2020 rechtskräftig) erhalten geduldete Flüchtlinge für einen bestimmten Zeitraum einen verlässlichen Aufenthaltsstatus, wenn sie eine Berufsausbildung absolvieren bzw. einer Beschäftigung nachgehen. Ferner stellt der Staat der Wirtschaft sogenannte „Willkommenslotsen“ zur Seite, wenn es um die Besetzung freier Ausbildungs- und Arbeitsstellen mit Geflüchteten geht. Etwa 130 sind hiervon bundesweit an rund 110 Kammern bzw. anderen Wirtschaftsorganisationen im Einsatz. Die Willkommenslotsen beantworten nicht nur aufenthaltstechnische, rechtliche und qualifikationsrelevante Fragestellungen, sondern bieten Firmen auch allerlei Unterstützungsleistungen an.

Die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt braucht seine Zeit. Geduld und ein gesunder Optimismus sind hierbei unabdingbar. Langfristig gesehen besitzt insbesondere der hohe Anteil junger Geflüchteter ein hohes Integrationspotenzial für den Jobmarkt in Deutschland. Als zertifizierter Bildungsträger wissen wir bei SPECTRUM, dass sich die Zukunft von Flüchtlingen auch mit passgenauen Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten gestalten lässt. Schließlich kann das Ziel der Bundesagentur für Arbeit, bis zum Jahr 2025 eine Beschäftigungsquote bei Geflüchteten von 50 Prozent zu erreichen, nur mit ausreichend Unterstützung vonseiten der Wirtschaft ermöglicht werden.

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