Fight, Flight oder Freeze? Das Problem mit der menschlichen Risikowahrnehmung

Menschengedränge auf einem belebten Platz

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Gewöhnt er sich an eine Gefahr, so wird er häufig leichtsinniger. Risikoforscher beobachten dieses Schema auch beiaktuellen Umgang vieler Menschen mit der Corona-Infektionsgefahr. Im März aufgrund hoher Unsicherheit noch sehr gefürchtet, schwindet bei vielen Deutschen nun langsam die Angst voeiner Ansteckung, wabei einigen zu riskanteren Verhaltensweisen führt. Die Ursache hierfür liegt in der Natur des Menschen. Was hilft, ist mehr Aufklärung bei allen Alterskohorten und ein gesamtgesellschaftlicher Mittelweg zwischen den evolutionären Überlebensstrategien „Fight“, „Flight“ und „Freeze. 

 Viele Menschen gewöhnen sich an die Pandemie 

Im Ausland werden die Deutschen gerne als risikoavers bezeichnet – eine Tugend, die in Zeiten einer Pandemie durchaus dienlich ist. Doch wenn es um die Einschätzung von Gefahren und Risiken geht, ticken alle Menschen gleich. Der Risikoforscher Prof. Dr. Ortwin Renn weiß, dass Menschen am meisten Angst vor Bedrohungen haben, die sie nicht kennen, die sich rasch ausbreiten und potenziell katastrophale Folgen für jeden haben könnten. Unsicherheit spielt dabei eine wesentliche Rolle, wenn es um das Erzeugen und Verstärken von Angst geht. Diese war noch im März sehr hoch, hat jedoch im Laufe der Monate auch in Deutschland nachgelassen. Eine Studie der Universität Mannheim (PDF) von März bis Juli bestätigt diesen Befund. Neue Erkenntnisse über Ausmaß, Hintergründe und Konsequenzen der Corona-Infektionen haben dazu zweifelsfrei beigetragen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf stellte sich bei vielen Menschen auch eine ambivalente Vertrautheit ein, die zu leichtsinnigem Verhalten verleitet – rationalen Vorbehalten zum Trotz. Tatsächlich scheint sich das Verhalten einiger Bundesbürger in der Corona-Krise verändert zu haben. Steigende Infektionszahlen lassen dies vermuten. 

Kranker Mitarbeiter im Home Office

Wenn es um die Beurteilung von Gefahren und Risiken geht, verlassen sich die meisten Menschen nicht nur auf die Einschätzung von Experten, sondern vor allem auf eigene Erfahrungen und daVerhalten des sozialen Umfelds. Und wenn die Herde bzw. die jeweiligen Neo-Tribes konsequent Entwarnung geben, dann fährt auch das Individuum seine Vorsichtsmaßnahmen allmählich zurück. In der Tat scheint sich gerade Vieles zu normalisierenSo zum Beispiel erhole sich seit April die Wirtschaft in den meisten EU-Staaten wieder und auch die bundesweiten Mobilitätszahlen würden sich zunehmend normalisieren (laut destatis.de). Doch die Gefahr des Corona-Virus ist deswegen noch nicht gebannt. Das Robert-Koch-Institut stuft diGefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung weiterhin als „hoch einIn diese Risikobewertung fließt die Krankheitsschwere und die Übertragbarkeit des Virus sowie die Ressourcenbelastung des Gesundheitssystems mit einEs plädiert daher dafür, dass sich alle Bundesbürger nach wie vor an die „AHA-Formel – Abstand, Hygiene und Alltagsmasken – halten. Die aktuell steigenden Fallzahlen seien laut RKI vor allem auf private Feiern und junge Reiserückkehrer zurückzuführen. 

Freiheit oder Sicherheit? Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft 

Ein Alltagsleben ohne Vorsichtsmaßnahmen ist wohl erst dann wieder möglich, wenn das Virus weitestgehend zurückgedrängt ist. Bis dahin sollten wir als Gesellschaft lernen, mit dem Risiko einer Infektion verantwortungsbewusst zu leben. Wenn es um die Einschätzung der Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen bzw. -Lockerungen geht, sei dem COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) zufolge über die Hälfte der Befragten zufrieden, während der Großteil der restlichen Untersuchten entweder die Lockerungen oder die Maßnahmen als (eher) übertrieben einstufte. Wie lässt sich ein derartig polarisiertes Antwortverhalten erklären? Das liegt daran, dass die menschliche Risikowahrnehmung weitestgehend von evolutionären Überlebensreflexen gesteuert wird – mit den bekannten Optionen „Fight“ (Kampf), „Flight“ (Flucht) oder „Freeze“ (Totstellen).  

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Bezogen auf die Corona-Krise könnten dies3 Überlebensstrategien laut Prof.Renn folgende Züge annehmen: 

  • FightAggressionsobjektwerden bekämpft (Corona-Regeln etc.) 
  • Flight: Physische Kontakte werden maximal eingeschränkt. 
  • FreezeDas Risiko einer Infektion wird ausgeblendet. 

Natürlich bringt jede dieser idealtypischen Überlebensstrategien wiederum weitere Probleme und Risiken mit sich. Menschen neigen je nach AlterGeschlecht und ihrer persönlichen Erfahrung zu unterschiedlichen Reaktionen. Interessanterweise sind es im Verlauf der Pandemie laut COSMO-Analyse vor allem junge Menschen unter 30 Jahren, die ihr persönliches Risiko als „geringer“ einschätzten im Vergleich zu älteren Kohorten. Problematisch könnte eine solche Einschätzung werden, wenn einzelne junge Leute gleichzeitig stark zur Option „Kampf“ neigen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass viele junge Menschen derzeit lediglich versuchen verfügbare Freiheiten auszukosten. Im Großen und Ganzen empfiehlt es sich jedoch für uns alle, einen vernünftigen Mittelweg zwischen diesen drei Überlebensstrategien zu finden. Der Zeit-Redakteur Jakob Simmank spricht in diesem Zusammenhang von einem „gemeinsamen Kontaktkonto“. Demnach besitze die gesamte deutsche Bevölkerung ein solches Konto mit einem Kontostand, dessen tatsächliche Höhe nie bekannt sei und wo jede physische Begegnung mit Mitmenschen unterschiedlich zu Buche schlage. 

Wo Menschen aufeinandertreffen, da besteht grundsätzlich Infektionsgefahr. Wie gelingt uns als Gesellschaft ein „richtiger Umgang“ mit der Corona-Bedrohung, ohne leichtsinnig oder überängstlich zu werden? Simmank plädiert dafür, dass wir als Gesellschaft lernen sollten, gemeinsam mit unseren Begegnungen im körperlichen Nahraum hauszuhalten – in Abhängigkeit vom aktuellen Infektionsgeschehen. Dies sollte jedoch damit einhergehen, dass allen Altersgruppen – insbesondere der jüngeren Bevölkerung – die Sinnhaftigkeit der Verhaltensregeln und, sofern es die Lage erfordert, auch von „Premiumkontakten“ systematischer kommuniziert wird. Ferner brauchen wir noch weitere Erkenntnisse über die Verbreitungswege des Virus. Was das tatsächliche Infektionsrisiko beispielsweise von Großveranstaltungen angeht, hat bereits ein erstes Corona-Experiment im Rahmen eines Popkonzerts untersucht. Auch diese Erkenntnisse könnten die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus noch weiter abmildern. 

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