Das Metaversum als Cyber-Utopie –
Über die nächste Stufe des Internets

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Mond in gruenem Spektrum auf 3D Liniengitter Verbildlichung Metaversum

Die nächste Stufe des Internets steht bereits in den Startlöchern: Das Metaversum. So heißt das neue Buzzword von Medien und Tech-Freaks, das jedoch den allermeisten Menschen noch relativ unbekannt ist. Das Metaversum soll das Internet, wie wir es kennen, in die Zukunft führen. Der Mensch könnte dann in der Lage sein, mit einem Avatar innerhalb einer nahezu unbegrenzten Sammlung dreidimensionaler öffentlicher und exklusiver Welten interagieren zu können. Das Metaversum ist gleichzeitig ein Netzwerk von miteinander verbundenen Anwendungen, Erfahrungen, Geräten, Infrastrukturen, Produkten und Tools. Dadurch werden völlig neue Internet-Erlebnisse möglich, welche die Sphären unserer heutigen Cyber-Kommunikation und unseres Online-Wirtschaftens bei Weitem übersteigen.

Eine beeindruckende Internetvision mit vielen technischen Hürden

Online-Plattformen wie „Decentraland“, „Eve Online“, „Fortnite“, „Second Life“ oder „Zwift“ machen es vor: Das Internet besitzt schon heute zahlreiche immersive Parallelwelten, die das gewohnte Surf-Erlebnis der allermeisten Menschen überschreiten. Derartige Online-Welten sind somit echte Vorreiter, wenn es darum geht, uns aufzuzeigen, wie Menschen in der Zukunft miteinander interagieren könnten. Ebenso geben sie einen Einblick in das „Metaversum“ von morgen – ein Begriff, der auf den Roman „Snow Crash“ von Neal Stephenson zurückzuführen und der gerade zum Buzzword von Medien und Tech-Freaks avanciert ist. Was es damit auf sich hat, kann am besten der ehemalige Amazon-Manager und Tech-Investor Matthew Ball, der wohl wichtigste Vordenker des Metaversums, erklären. Für ihn ist das Metaversum zunächst einmal eine Weiterentwicklung des mobilen Internets. Man könne es als eine Art Netzwerk von zahlreichen einzelnen Online-Welten – exklusiver sowie öffentlicher Natur – verstehen, in denen ein Individuum mit seiner eigenen Identität in Echtzeit, ausgestattet mit bestimmten Gütern und Rechten, interagieren kann. Idealerweise könnte man sich dann mit den Inselwelten seiner Wahl unter anderem mit dem Smartphone, mit AR- bzw. VR-Brillen und unter Umständen vielleicht auch irgendwann mit Brain-Computer-Interfaces verbinden. Neue sinnliche Cyber-Erfahrungen werden somit möglich.

Im Metaversum der Zukunft werden auch handelbare virtuelle Objekte eine Rolle spielen. Hier kommen zunächst vorrangig die sogenannten „Non-Fungible-Tokens“ (NFT) ins Spiel. Sollte das Metaversum in absehbarer Zeit massentauglich werden, könnte dies ein völlig anderes Licht auf die aktuelle Goldgräberstimmung am NFT-Markt werfen. Denn NFTs sowie Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum werden womöglich dazu beitragen, Zahlungen in Metaversum-Welten zu ermöglichen. Ein weiterer wichtiger Begriff, der charakteristisch für das Metaversum steht, ist „Interoperabilität“. Gemeint ist damit die Anschlussfähigkeit unter anderem von Daten, Gütern und Währungen zwischen der Offline- und Online-Welt. Ist diese erst gewährleistet, sind die Möglichkeiten des Metaversums nahezu unbegrenzt. Langfristig ließe sich dann beispielsweise komplett auf Hardware verzichten und Maschinen oder Produkte direkt in einer AR- bzw. VR-Umgebung konstruieren und testen. So soll zum Beispiel der Chip- und Grafikprozessoren-Entwickler Nvidia bereits ein komplettes BMW-Werk in sein „Omniverse“ verlegt haben, in welchem Arbeitsprozesse simuliert werden. Bis jedoch für die breite Bevölkerungsmasse ein flächendeckendes Metaversum-Erlebnis realisiert werden kann, wird es laut Ball noch viele Jahrzehnte dauern. Schuld sind auch die technischen Hürden, die hierfür zu meistern sind.

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Die Entwicklung vorantreiben und sich einen „Platz an der Sonne“ sichern

Begutachtet man den aktuellen Stand der Technik, so wird schnell klar: Das Metaversum ist zwar schon heute grundsätzlich realisierbar – jedoch nur in einem begrenzten Rahmen. Für ein massentaugliches Erlebnis fehlt es noch an Vielem: Von speziellen Nutzer-Brillen oder -Handschuhen mit feinmotorischen Sensoren, über hochleistungsstarke Breitbandverbindungen und Smartphones, bis hin zu Engines, Protokollen, Services und Tools, die es erlauben, sämtliche Metaversum-Umgebungen fortlaufend zu optimieren. Immerhin arbeiten bereits Tech-Riesen wie Amazon, Google oder Microsoft an der hierfür benötigten Cloud-Infrastruktur. Natürlich sehen diese im aktuellen Metaversum-Boom ein für sie überaus lukratives Entwicklungsgebiet. Warum auch nicht? Das Metaversum kann schließlich erst dann zur Realität werden, wenn seine Entwicklung durch viele Akteure – von Unternehmen, Politikern und Nutzern gleichermaßen – sowie durch Innovationen und Subventionen vorangetrieben wird. Denn noch ist man vor allem leistungstechnisch nicht dazu in der Lage, gemeinsam geteilte Simulationen bereitzustellen, in denen sich Millionen von Menschen gleichzeitig aufhalten können. Mit der serienmäßigen Herstellung von 2-Nanometer-Chips könnte immerhin dieses Rechenleistungsproblem in absehbarer Zeit gelöst werden. Leider gibt es auch Gegner dieser Zukunftsvision. Besonders der Großkonzern Apple blockt bisher noch sämtliche Entwicklungen in Richtung Metaversum konsequent ab.

Wenngleich die Menschheit bereits wichtige Schlüsseltechnologien wie das 5G-Netz, die AR- und VR-Technik sowie die Blockchain entwickelt hat, ist es bis zum fertigen Metaversum noch ein weiter Weg. Welche technologischen Innovationen, politischen Entscheidungen oder veränderten Nutzerbedürfnisse letztendlich den Massendurchbruch desselbigen beschleunigen könnten, ist aufgrund seiner organischen Entwicklung nicht vorhersehbar. Viel eher absehbar ist jedoch, dass das Metaversum den Auftakt zur Token-Ökonomie via Blockchain geben könnte. Bis dahin sollte man die Entwicklungsprozesse weitestgehend sich selbst überlassen und sie lediglich durch ein vorausschauendes Regelwerk sinnvoll unterstützen. So zum Beispiel könnte man schon jetzt klären, welche rechtlichen Grundlagen für diese Parallelwelt gelten sollten und wie diese durchzusetzen bzw. zu kontrollieren sind – sei es etwa durch Online-Wächter oder Strafkataloge. Ferner sollten wir uns die Frage stellen, was das Metaversum mit uns als Menschen machen könnte, wenn wir immer größere Anteile unseres Berufs- und Privatlebens dahin verlagern. Regulatorische Maßnahmen werden langfristig vor allem dann notwendig sein, wenn wir an den ganzen Datenmüll denken, den Metaversum-Umgebungen zwangsläufig produzieren werden. Daher sollten gerade Unternehmen bereits heute aktiv werden und sich in die Entwicklung des Metaversums mit sinnvollen Ideen und Lösungen einbringen. Dadurch haben sie die besten Chancen, dieses nachhaltig mitzugestalten und sich einen „Platz an der Sonne“ zu sichern, bevor es zu einer kafkaesken Verschmelzung von Offline- und Online-Welt mutiert.

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Bildnachweise für diesen Beitrag:
© Ralf Kaufmann Fotografie

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