Crew Resource Management im Berufsalltag – Was Personaler von der Luftfahrt lernen können

Over-Shoulder-Aufnahme zweier Piloten im Cockpit eines Flugzeugs

Irren ist bekanntlich menschlich, wie schon die alten Griechen wussten. Es kann nicht immer alles perfekt laufen – weder im Beruf noch im Privaten. In der Alltagswelt gibt es jedoch einige Produkte und Situationen, wo jeder Fehler bzw. Makel fatale Folgen haben könnte. Beispielhaft steht hierfür die Luft- und Raumfahrtindustrie. Hier kann eine laxe Arbeitsweise – egal, ob im Cockpit oder in der Fabrik – schnell Menschenleben kosten. Für Selbstbedienungsmentalitäten und Vertuschungsversuche bei begangenen Fehlern ist über den Wolken keinen Platz. Vielmehr findet ein Konzept namens „Crew Resource Management“ (CRM) Anwendung, welches vorhandene Potenziale zu bündeln versucht und diese dazu bringt, füreinander wechselseitig einzustehen. Dieser CRM-Ansatz lässt sich jedoch auch auf andere Alltags- und Arbeitsbereiche übertragen. Die Grundidee: Stärkt man das wertorientierte Handeln eines Menschen, dann ergeben sich für Unternehmen ungeahnte Chancen.

Kollektive Verantwortung anstelle von strikter Autoritätsgläubigkeit

„Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Wer kennt dieses Zitat von Brecht nicht? Es spitzt ein gängiges Problem des menschlichen Daseins zu: Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sich jeder Bürger produktiv einbringt. Auch in der Arbeitswelt schadet eine „Ellbogenkultur“ mehr, als dass sie dem Menschen langfristig nützt.

Teammitglieder bauen ihre Puzzleteile in der Luft an ein gemeinsames Puzzle und verdeutlichen so ihre Teamarbeit

Wenn beispielsweise in einer Organisation – kommerzieller oder politischer Natur – Fehler gemacht werden und auftretende Schäden zu begrenzen sind, dann kommt es darauf an, dass die dortigen Beschäftigten möglichst effektiv zusammenarbeiten. Aus diesem Grund hat die Tugend der wechselseitigen Verantwortungsübernahme in der Luft- und Raumfahrt einen so hohen Stellenwert. Das Konzept des Crew Resource Managements gehört mittlerweile zum weltweiten Standard bei der Ausbildung von Flugzeugpersonal.

Im Rahmen des CRM-Ansatzes lernen Piloten und ihre Crew-Mitglieder, die Relevanz von Feedback, Kritikfähigkeit und Teamfähigkeit zu schätzen. Ihnen fällt es dadurch leichter, in komplexen Situationen rasch vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Für jede unternehmensinterne Fehlerkultur sind unter anderem folgende Inputs interessant:

  • Fehlerakzeptanz vorleben:
  • Eine Unternehmenskultur hat die Aufgabe, für Stabilität zu sorgen. Führungskräfte und ihre Mitarbeiter sollten daher mit gutem Beispiel vorangehen und sich bei auftretenden Fehlern versöhnlich (und nicht nachtragend) zeigen. Dadurch liefern sie einen Beitrag zu einer positiveren Fehlerkultur.

  • Sanktionsfreiheit bei Fehlern gewährleisten:
  • Werden auftretende Fehler nicht sofort abgestraft, begünstigt dies üblicherweise die Entscheidungsfindung und Produktivität von Mitarbeitern, was auch daran liegt, dass Unstimmigkeiten häufiger kommuniziert werden.

  • Schadensfall? Sachliches Krisenmanagement betreiben:
  • Da besonders Fehler, die zu Schäden führen, rasch aufgearbeitet werden müssen, sind Emotionen und Schuldzuschreibungen fehl am Platze. Die sogenannte FORDEC-Methode liefert diesbezüglich eine Checkliste, wie optimalerweise vorzugehen ist. Nach einer neutralen Beurteilung der Faktenlage gilt es demnach, schnell Handlungsoptionen abzuleiten und sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Boss steht mit ausgestrecktem Zeigefinger und bösem Blick hinter einer am Schreibtisch sitzenden und unglücklich guckenden Mitarbeiterin

Ohne Risiko keine Innovationen, ohne Innovationen kein Fortschritt?

Eine sanktionsfreie Fehlerkultur und ein sachliches Krisenmanagement tragen zweifelsfrei zu einem offeneren Dialog innerhalb der Belegschaft bei. Mehr noch: Wenn der Perfektionsdruck im Arbeitsalltag erst einmal nachlässt, können sogar neue Synergien entstehen. Wie weit darf der Perfektionsdruck im Berufsalltag also gehen? Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto empfahl in diesem Zusammenhang das sogenannte „Pareto-Prinzip“. Pareto nahm an, dass in sämtlichen Sphären der menschlichen Lebenswelt 80 % eines Effekts häufig auf nur 20 % seiner Ursache zurückgeführt werden könnten. Übertragen auf den Arbeitsalltag bedeutet dies: Mit nur 20 % der Arbeitszeit ließen sich bereits 80 % eines konkreten Arbeitsziels erreichen, während man jedoch etwa 80 % seiner Arbeitszeit für die Perfektionierung der jeweiligen Aufgabe benötige. Die Erkenntnis: Perfektion kostet Zeit. Der Perfektionsanspruch sollte im Arbeitsalltag daher variieren – flankiert durch eine effektive Zusammenarbeit von Kollegen.

Fehler und Unstimmigkeiten müssen einem Betrieb nicht zwangsläufig schaden, sondern können auch neue Erfahrungen liefern. Moderne Errungenschaften wie beispielsweise die Mikrowelle oder Penicillin, welche eher beiläufig entstanden, machen deutlich, dass (zufällige) Abweichungen von der Norm zu Innovationen führen können. Eine langfristig planende Unternehmensführung sucht daher permanent nach dem richtigen Zeitpunkt, um etablierten Erfolgsfaktoren den Rücken zu kehren; ein regelrechtes „Innovator‘s Dilemma“, wie es im Buche steht – bzw. im gleichnamigen Buch des Wirtschaftswissenschaftlers Clayton Magleby Christensen. Sein Mantra: Wer nicht radikal innovativ sei, gehe zwangsläufig unter. Doch was im Silicon Valley gilt, muss nicht automatisch auch auf Deutschland zutreffen. Fakt ist jedoch: Eine progressive Fehlerkultur ebnet Unternehmen die Bahn für Innovationen. Google lässt grüßen.

Facebooks Instagram Firmenschild vor dem eigenen Gebäude im Silicon Valley

Mitarbeiter müssen Erfahrungen sammeln und Fehler machen. Eine tolerante Fehlerkultur kann diese im Arbeitsalltag unterstützen und dadurch gleichzeitig Synergien erzeugen. Jedoch gibt es auch hier Grenzen. Wie Churchill bereits richtig formulierte: „Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst frühzeitig zu machen“. Und daraus lernen sollte man.

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