Die Bundesrepublik im Aufwind? Wo sich der Fachkräftemangel durch Corona verschärft hat

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Deutschland hat die erste Welle der Corona-Pandemie überstanden. Nach einer beispiellosen Vollbremsung scheint sich die deutsche Wirtschaft nun wieder allmählich zu erholen. Die bisherigen Prognosen klingen vielversprechend. Doch damit kommen in vielen Branchen alte Probleme wieder zum Vorschein: Der Fachkräftemangel ist präsenter denn je. Mehr noch: Die Corona-Krise hat sogar neue Engpässe und Schwierigkeiten hinzugefügt. Befürchtungen über eine zweite Infektionswelle halten jedoch nachhaltige Gegenmaßnahmen vorerst in Schach.

Die „schwäbische Hausfrau“ und der Fachkräftemangel

Der Sommer ist in vollem Gange und mit ihm laufen auch viele Menschen derzeit zu Höchstleistungen auf, wenn es um die Gestaltung ihrer zurückgewonnenen Freiheiten geht. Die Wirtschaft brummt wieder und Deutschlands Konjunkturentwicklung scheint sich in Richtung „V-Szenario“ zu entwickeln. In einem Paper der Denkfabrik „Deutsche Bank Research“ gehen Forscher sogar davon aus, dass die Bundesrepublik als „Gewinner“ aus der Corona-Krise hervorgehen könnte. Als Gründe werden unter anderem Deutschlands geringe Verschuldung und sein gut ausgebautes Gesundheitswesen genannt. Sein solider Staatshaushalt ermöglichte es, im Rahmen der Krise immense Summen zu investieren, die teilweise auch in das „Kurzarbeitergeld“ flossen. Hier zeigt sich die Stärke der deutschen Marktwirtschaft. Deutschlands Sparpolitik, welche weltweit mit dem Klischee der „schwäbischen Hausfrau“ in Verbindung gebracht wurde, scheint sich auszuzahlen. Doch trotz optimistischer Prognosen bleibt die Zukunft noch zu ungewiss. Beispielsweise ist noch nicht absehbar, ob uns im Herbst eine zweite Infektionswelle erwartet, die wiederum neue Corona-Maßnahmen zur Folge haben könnte – von den privaten und wirtschaftlichen Konsequenzen eines möglichen zweiten Lockdowns ganz zu schweigen.

Vorstellungsgespräch in Zeiten von Fachkräftemangel und Corona

Während sich die Wirtschaft allmählich erholt, rücken in vielen Branchen alte Probleme wieder in den Vordergrund: Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig, auch wenn im Rahmen des Lockdowns die Anzahl offener Arbeitsstellen – auch in einigen begehrten MINT-Berufen – zunächst zeitweise gesunken war. Lediglich im Bauwesen und im IT-Bereich ist die Fachkräftelücke sogar größer geworden. Seitdem die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt, wird der Mangel an Fachkräften und Spezialisten jedoch erneut zum flächendeckenden Problem. Die Corona-Krise fügt dieser Problemlage leider noch weitere Dimensionen hinzu. Denn zu den typischen Engpassberufen zählen nun auch zunehmend medizinische Berufe verschiedenster Art – zum Beispiel Altenpfleger, Apotheker und Ärzte. Andere Branchen klagen im Gegenzug über fehlende Aufträge oder Kunden, denn die Investitions- bzw. Konsumfreude von Unternehmen und Verbrauchern entspricht noch nicht dem Vor-Corona-Niveau. Über manchen von ihnen schwebt sogar das Damoklesschwert der Insolvenz. Neben dem demografischen Wandel tragen des Weiteren noch Corona-bedingte Reisebeschränkungen zum Fachkräftemangel bei. Diese wirken sich auf unterschiedliche Weise aus und machen es dem Ausland besonders einfach, dringend benötigte Fachkräfte und Spezialisten im eigenen Land zu halten.

Der Fachkräftemangel wird vielschichtiger

Der Bedarf nach Zuwanderung ausländischer Fachkräfte und Spezialisten ist in vielen Branchen nach wie vor sehr hoch. Die aktuellen Corona-Regelungen erschweren jedoch die Einwanderung. Auch das im März in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz, welches auch ausländischen Fachkräften mit Berufsausbildung den Weg nach Deutschland ebnen soll, kann daran zunächst nichts ändern – zum Leidwesen vor allem der Altenpflege und des Bauwesens. Ferner gestaltet sich auch die Heranbildung von potenziellem Fachpersonal in deutschen Auslandsschulen wie beispielsweise den Goethe-Instituten zunehmend schwierig. Der Grund: Es gibt Finanzierungsschwierigkeiten. Das Schulgeld kann vielerorts nicht mehr bezahlt werden. Dadurch reduziert sich folglich die Anzahl der Absolventen, die ein Studium bzw. eine Arbeitstätigkeit in der Bundesrepublik angestrebt hätten. Ausländische Hochqualifizierte, die es hingegen bereits nach Deutschland geschafft haben, droht wiederum die Abschiebung, wenn sie innerhalb festgelegter Frist keinen ihrer Qualifikation entsprechenden Job finden können – ein Dilemma, welches die Politik beheben sollte. Darüber hinaus ließe sich dem Fachkräftemangel mit mehr wachstumsstärkenden Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen bzw. Investitionen die Stirn bieten. Davon ist zum Beispiel die KfW-Chefvolkswirtin Dr. Fritzi Köhler-Geib überzeugt.

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Derzeit ist noch nicht absehbar, wann sich der deutsche Verbraucher und die deutsche Wirtschaft von der Pandemie vollständig erholt haben werden. Zwar steigt der ifo-Geschäftsklimaindex wieder Monat für Monat, doch sind verlässliche Zukunftsprognosen noch nicht möglich. Was hingegen unverändert dominiert, ist die Unsicherheit hinsichtlich des weltweiten Infektionsgeschehens. Langfristige Planungen gestalten sich auch weiterhin schwierig, was sich auf die innerdeutsche und internationale Konsum- und Investitionsbereitschaft auswirken wird. Schließlich hängt der ehemalige Exportweltmeister Deutschland auch vom Wohlergehen seiner Handelspartner ab. Immerhin: Durch die Abschottungspolitik der Vereinigten Staaten und dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs könnte der Arbeits- und Bildungsstandort Deutschland langfristig für ausländische Fachkräfte und Spezialisten lukrativer werden. Nichtsdestoweniger gibt es noch keinen vergleichbaren Präzedenzfall, wenn es um die Frage geht, wie sich Volkswirtschaften nach einer Vollbremsung regenerieren. Ebenso ist unklar, wie sich die Pandemie auf den Strukturwandel der Berufslandschaft auswirkt. Fakt ist: Die Entwicklungen werden nachhaltig sein. Hochs und Tiefs sind dabei nicht auszuschließen. Bereits in ein paar Monaten werden wir neue Erkenntnisse haben.

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