Ein Comeback traditioneller Geschlechterrollen – Wie die Corona-Krise die Gleichberechtigung der Frau untergräbt

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Die gegenwärtige Pandemie mutet der deutschen Bevölkerung einiges zu. Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung des Corona-Virus stellen nun schon seit Wochen den Alltag vieler Menschen vor besondere Herausforderungen. So zum Beispiel haben es Paare mit Nachwuchs durch die Schließung von Kitas und Schulen aktuell besonders schwer. Um die Betreuung der Kinder zu gewährleisten, muss häufig ein Elternteil seine Erwerbstätigkeit reduzieren oder aufgeben – und diese Rolle übernehmen vor allem die Mütter. Doch ist dieser Sachverhalt keineswegs überraschend, denn schließlich deckt die Corona-Krise lediglich auf, wie es um die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland wirklich bestellt ist. Es wird daher endlich Zeit für ein Umdenken.

Die Gleichberechtigung der Frau auf dem Prüfstand

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie treffen die deutsche Bevölkerung in unterschiedlichem Ausmaß. Die von der Bundesregierung verordneten Schließungen von Kindertagesstätten und Schulen haben beispielsweise erhebliche Folgen für viele Mütter in der Bundesrepublik. Insbesondere in eher einkommensschwachen Familien sei es derzeit üblich, dass ein in Vollzeit arbeitender Familienvater seiner Partnerin die Hauptverantwortung für die Betreuung der Kinder überlässt. Dies ergab eine aktuelle Studie zur Erwerbssituation und Sorgearbeit in Familien (PDF) des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Zahlreiche weitere Hilfsstrukturen wie unter anderem Babysitter, Großeltern und Haushaltshilfen, welche Familien üblicherweise bei ihrer täglichen Arbeit entlasten, sind aufgrund der gegenwärtigen Corona-Verordnungen nur sehr eingeschränkt bis gar nicht verfügbar. Noch problematischer wird es, wenn beide Partner berufstätig sind.

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Wir befinden uns momentan in einer Phase des sozialen Strukturbruchs, in der eine Pandemie ganze Gesellschaften umgestalten kann. Dazu gehört auch die Retraditionalisierung von Geschlechterrollen – vor allem in Haushalten mit Kindern. Die Ursachen hierfür sind – neben Erziehungsgründen und persönlichen Interessen – jedoch recht vielseitig. Grundsätzlich empfinden es viele Menschen in Krisenzeiten als Sicherheit, auf stereotype Rollenmuster zurückzugreifen, so Catriona Graham von der European Women’s Lobby. Darüber hinaus denken in Zeiten des Umbruchs viele Familien finanziell pragmatisch: Frauen nehmen sich beruflich zurück, um dem zumeist besserverdienenden Partner im Haushalt den Rücken frei zu halten. Laut WSI-Studie waren Frauen in den letzten Wochen zwar ungefähr genauso häufig in Kurzarbeit wie Männer, jedoch ließen sich diese tatsächlich öfter von der Arbeit freistellen. Die Konsequenz: Geschlechterspezifische Stereotype, die an die 1950er-Jahre erinnern und zu einer zunehmenden sozialen Ungleichheit zwischen Frau und Mann führen, erhalten Auftrieb. Doch ist dieses Comeback der Geschlechterrollen kein neuartiges Phänomen, sondern es wird – wie viele andere Problemstellungen auch – von der Krise nur verstärkt.

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Eine Krise, die alte Denkmuster offenlegt

Natürlich gibt es auch Frauen, die sich gerne mit einer traditionellen Rollenverteilung im Alltag abfinden. Andere wiederum beschweren sich über die ökonomischen und sozialen Folgen dieser traditionellen Rollenzuweisung. So wird zum Beispiel spekuliert, ob es im Zuge der Corona-Krise einen Anstieg von häuslicher Gewalt gibt – ausgelöst durch zahlreiche neue Stressfaktoren. Beratungsstellen und Krisentelefone bekräftigen diese Annahme. Während also die Aufmerksamkeit der Welt stetig auf neue Fallzahlen gerichtet ist, bleiben die sozialen Verhältnisse, die sich in der staatlich verordneten heimischen Abschottung abspielen, noch weitestgehend unbekannt. Flächendeckende Aussagen sind in diesem Zusammenhang kaum möglich – auch weil Kitas und Schulen als typische Kontrollinstanzen zurzeit wegfallen. Mehr noch: Die aktuelle Krise verschärfe sogar eine Vielzahl von Problemstellungen, so Evelyn Regner, Vorsitzende im Ausschuss für Frauenrechte im EU-Parlament: Angefangen von der Gewalt gegenüber Frauen, über die Gehälterdiskrepanzen bis hin zur kniffligen Lage von Alleinerziehenden. Woran es akut mangelt, sind authentische weibliche Impulse bei der politischen Entscheidungsfindung.

kleiner junge hält sich die ohren zu während die eltern streiten

Während es schwerpunktmäßig Männer sind, die als Experten und Politiker den Kurs der Lockerungen in der aktuellen Krise vorgeben, ist die überwiegende Anzahl der Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen weiblich. Das weibliche Geschlecht hat somit bei der Bewältigung des Ausnahmezustands – von der Betreuung der Kinder einmal abgesehen – eine besondere Bürde zu tragen. Die Politik sollte daher den Anliegen, Bedürfnissen und Nöten der Frauen in unserer Gesellschaft bei den nächsten Lockerungen mehr Gehör schenken. Darüber hinaus ist zu diskutieren, inwieweit der Staat durch zusätzliche finanzielle Unterstützungen – beispielsweise durch eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds – oder Freistellungsansprüche dazu beitragen könnte, eine gerechtere Verteilung der Kinderbetreuung zwischen den Partnern zu erwirken. Einen Wandel kann jedoch ferner ein verändertes Mindset sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Arbeitnehmern anstoßen. Um die Polarisierung unserer Gesellschaft nicht noch weiter voranzutreiben, sollten sich auch Familienväter – im Einvernehmen mit ihrer Arbeitsstelle – vermehrt dazu bereit erklären (können), mehr „Care-Arbeit“ zu übernehmen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ist sich jedenfalls sicher, dass Schul- und Kita-Öffnungen bald möglich seien – jedoch nur ohne Abstandsregelungen. Bis dahin haben Frauen auch weiterhin das Nachsehen.

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