30 Jahre deutsche Wiedervereinigung – Wie sich der Wirtschaftsstandort Ostdeutschland stärken lässt

Wiedervereinigung Berlin Mauerfall 1989

Die Wiedervereinigung Deutschlands ist zweifelsfrei ein Prozess, der bis heute noch andauert. Das Zeitfenster für den Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten nach dem Mauerfall war relativ klein. Dabei auftretende Unzulänglichkeiten wurden in Kauf genommen. Besonders zum 30-jährigen Jubiläum stellt sich daher die Frage: Wieviel Idealismus wohnt dem Begriff „Wiedervereinigung“ noch inne? Fakt ist: Vieles wurde bereits erreicht, doch immer noch gibt es Vorurteile gegenüber Ostdeutschen und Privilegien für Westdeutsche. Problematisch war auch die jahrelange Abwanderung von ostdeutschen Fachkräften und die Besetzung von ostdeutschen Entscheidungspositionen mit Westdeutschen. Diesen Entwicklungen stehen nun neue Potenziale gegenüber: Mittlerweile ist eine neue Generation herangewachsen und aus der Spannungslinie „Osten gegen Westen“ wurde allmählich „strukturschwach gegen strukturstark“. Lösungsansätze, um den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland zu stärken, gibt es viele. Ihr gemeinsames Ziel ist, dass der Osten und Westen sich auf Augenhöhe begegnen.

Deutsche Wiedervereinigung: Eine Einheit mit viel Luft nach oben

Nach 40 Jahren SED-Diktatur ging es plötzlich schnell: Erst der unerwartete Mauerfall dann nach knapp einem Jahr die Wiedervereinigung. Das hierfür verfügbare Zeitfenster war sehr begrenzt. Das Ende der DDR jährt sich in diesem Oktober nun zum dreißigsten Mal. Doch das den ehemaligen DDR-Bürgern gemachte Versprechen nach Freiheit, Konsum und Wohlstand ließ sich nicht flächendeckend umsetzen. Für fast alle von ihnen bedeutete die Wende eine tiefe Zäsur, die eine übergangslose Abwertung von Berufsbildern, Bildungsabschlüssen und Kompetenzen zur Folge hatte. Zeit zum gemeinsamen Reflektieren, wie ein geeintes Deutschland aussehen könnte, gab es nicht. Im Osten richtete sich der Kapitalismus ein und westdeutsche Manager besetzten sämtliche Spitzenpositionen. Klagen über eine „westdeutsche Dominanzgesellschaft“ kamen auf und hielten jahrelang an. Selbst heute noch fühlen sich laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung 60 Prozent der Ostdeutschen wie „Bürger zweiter Klasse“ behandelt. Und bis zum heutigen Tage seien laut Friedrich-Ebert-Stiftung noch zu wenige Frauen und Ostdeutsche in Führungspositionen vertreten. Ebenso sei der Osten nach wie vor weniger produktiv als der Westen und auch der wirtschaftliche Aufholprozess stagniere, so Ronny Freier, Juniorprofessor für Wirtschaftspolitik in Berlin. Eine Einheit gibt es demnach im wirtschaftlichen Sinne noch nicht.

Zwei Zugwagons der deutschen Bahn

Grundsätzlich fällt die Bilanz nach 30 Jahren deutsche Einheit positiv aus: Die Anpassungsbereitschaft der Ostdeutschen sowie westdeutsche Transfergelder haben dazu geführt, dass sich die Wirtschaftskraft der neuen Länder seit der Wiedervereinigung vervierfacht hat. Dennoch: Laut Marco Wanderwitz, Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, betrage der Abstand der ostdeutschen Wirtschaft zur westdeutschen noch rund 30 Prozent. Auch heute noch seien die Spuren von 40 Jahren Planwirtschaft sichtbar: Es fehlen wirtschaftsstarke Regionen mit einer hohen Dichte an Arbeitsplätzen insbesondere von forschungsstarken und international orientierten Unternehmen, so die Schlussfolgerung des Kabinettausschusses „Neue Länder“. Auffällig sei, dass wirtschaftliche Zentren wie etwa Dresden, Jena oder Leipzig erst das Niveau von strukturschwächeren westdeutschen Städten erreicht hätten. Hierbei wird deutlich: Die alte Spannungslinie Osten gegen Westen“ wird allmählich durch „strukturschwach gegen strukturstark“ abgelöst. Der demografische Wandel und der insbesondere durch Corona verschärfte Fachkräftemangel leisten ihren Beitrag. Die Abwanderung von Fachkräften aus dem Osten scheint zwar nachhaltig abzunehmen, doch ist es ein weiter Weg, bis dieser für die gesamtdeutsche Wirtschaft attraktiver wird.

Warum junge Talente die Zukunft des Ostens sind

Die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland ist noch nicht abgeschlossen. Schließlich gäbe es noch zu viele regionale Differenzen in Sachen Beschäftigung, Daseinsvorsorge, Einkommen und Infrastruktur, so Wanderwitz. Dies begünstigt nicht nur eine Abwanderung junger Talente in den Westen, sondern auch eine höhere Arbeitslosigkeit und stärkere Polarisierungstendenzen. Im „War for Talents“ gilt es somit für Politik und Wirtschaft gleichermaßen, Strategien zu entwickeln, um junge Fachkräfte auf dem Land zu halten. Gleichzeitig muss die Wirtschaftskraft der neuen Länder durch weitere Innovationen, Internationalisierung und Investitionen gefördert werden, so das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Dies impliziert, dass unter anderem die Schließung von Arztpraxen, Geschäften, Kitas und Schulen besser reguliert und eine Ansiedlung von Unternehmen subventioniert werden sollten. Freier plädiert darüber hinaus für mehr Maßnahmen in Sachen Bildungspolitik, Wohnungsbau und Verkehrsanbindung von Stadt und Land. Immerhin: Der Digitalisierungsgrad der Kommunen in den östlichen und westlichen Bundesländern habe sich laut BMWi im Vergleich zu 2015 bereits angeglichen. Digitale Lösungen sind letztendlich ein zentrales Instrument, um Herausforderungen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen zu bewältigen.

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Damit die Chancengleichheit im Osten Deutschlands keine romantische Illusion bleibt, muss endlich die „gläserne Decke“ bzw. die Mobilitätsblockade für ostdeutsche Eliten aufgehoben werden. Im Laufe der nächsten Jahre werden immer mehr westdeutsche Führungskräfte im Osten in Rente gehen, wodurch zunehmend Gestaltungspositionen für ostdeutsche Potenziale frei werden. Für ostdeutsche Talente ist dies die Chance, sich mit der Region, in der sie leben, besser zu identifizieren und Verantwortung zu übernehmen. Diesbezüglich wäre es jedoch wünschenswert, dass der Osten Deutschlands nicht mehr als Land für Niedriglöhne deklassiert, sondern vielmehr strukturell ausgebaut wird. An dieser Stelle kann das neue gesamtdeutsche Fördersystem für strukturschwache Regionen für Abhilfe sorgen. Es bleibt zu hoffen, dass sich dadurch die Entfremdungserscheinungen, die sich bei vielen Ostdeutschen im Zuge der Wende immer noch abzeichnen, im Laufe der Zeit relativieren. Laut Freier habe der ostdeutsche Wirtschaftsstandort jedenfalls einen entscheidenden Zukunftsvorteil: Während sich die westdeutsche Wirtschaft in den nächsten Jahren insbesondere mit Herausforderungen wie der Automobil-Krise und dem Brexit zu beschäftigen hat, seien viele Firmen in Ostdeutschland wesentlich flexibler aufgestellt – auch da sie vom Export unabhängiger sind.

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